Schmerz

Ich konnte nicht zu Hause bleiben, ich hielt es einfach nicht aus. Überall hing die Erniedrigung und der Schmerz in der Luft, in den Wänden, im Boden, alles schien sich nach mir auszustrecken, mich zu erdrücken. Cade war nicht in der Stadt, er war nicht mal auf dem selben Kontinent wie ich. Seit unserem Streit haben wir nicht mehr miteinander gesprochen, er war nicht im Krankenhaus. Er war nicht da. Sonst weiss er doch auch immer alles, warum war er nicht da? Und wohin sollte ich gehen? „Leagons“ schoss es mir durch den Kopf. Sofort entspannte ich mich etwas. Ich brauchte dringend räumlichen Abstand. Und schlaf, so viel Schlaf wie möglich. René lässt mich rein, dem war ich mir sicher. Ich wollte nur nicht, dass er mich so sah, dass mich irgendjemand so sah. Tränen stiegen mir wieder in die Augen, ich hatte diesen Zustand so satt. Mein ganzer Körper schmerzte, von Innen und von Aussen.

Als ich an die Hintertür klopfte öffnete mir ein miesgelaunter René die Tür  „Was ist?“. „Ich bins Cat, lässt du mich in Cades Büro?“ am liebsten hätte ich auf der Stelle losgeheult. Augenblicklich wurde seine Miene sanfter, er versuchte mir ins Gesicht zu sehen, aber ich hielt meinen Kopf gesenkt. Ich wollte nur in Sicherheit und schlafen. Er schob mir einen Finger unters Kinn und hob mein Kopf, sodass er mich sehen konnte. „Um Himmels Willen, was ist passiert?“ fragte er mich erschrocken. Tränen liefen mir unvermittelt über die Wangen, ich konnte es einfach nicht länger zurück halten. Tränenerstickt antwortete ich nur „Ich möchte einfach nur schlafen, bitte lass mich durch René“. Er ging ein Schritt zur Seite und schloss mir Cades Büro auf. Ich bedankte mich bei ihm und machte ihm deutlich, dass ich nicht bereit war irgendwelche Fragen zu beantworten. Ein angenehmer, bekannter Geruch stieg mir in die Nase. Es roch nach Cade. An der Garderobe hing sein Mantel, ich schnappte ihn mir, wickelte mich darin ein  und fand auf der Couch endlich schlaf. Unruhig und voll von schrecklichen Träumen. Ich bemerkte nicht, als Cade sich im Morgengrauen zu mir setzte und mir sanft übers Gesicht strich, zu tief war ich im Alptraum gefangen und zuckte und stöhnte im Schlaf. Wenigstens im Traum gelang es mir mich zu befreien, die Männer von mir zu stoßen und sie einer nach dem anderen zu erschießen. Dem Schmerz zu entgehen, den sie in der realen Welt hinterlassen hatten. Ruckartig zuckte ich beiseite, als ich beim aufwachen eine Hand auf meinem Rücken spürte. Der Schreck saß so tief, dass ich erst einmal tief Luftholen musste. „Ganz ruhig Cat, ich bin es“ versuchte mich Cade wieder zu beruhigen. „Du bist hier?“ fragte ich ihn erstaunt während mein Herz schon wieder ruhiger klopfte. „Ich dachte du bist in Europa“. Ich setzte mich auf. „Das war ich, bis mich René angerufen hat. Warum hat mir das keiner gesagt? Warum hast du mich nicht angerufen?“ er wirkte besorgt, fast schon verzweifelt. Ich konnte den Schmerz in seinen Augen sehen. Den gleichen den ich verspüre seitdem, an jedem einzelnen Tag. Es brach mir das Herz in tausend kleine Teile. Tränen fingen an über meine Wangen zu laufen, aber ich konnte nichts sagen, ich hatte keine Worte mehr dafür übrig. Cade verstand und hielt mich fest, minutenlang, bis er schließlich sagte „Lass uns nach Hause fahren, Kleines“.

Bei ihm angekommen verkroch ich mich sofort auf die Couch, ich war müde, schrecklich müde. „Soll ich dir irgendetwas aus deiner Wohnung holen? Klamotten oder sowas?“ fragte er mich besorgt. „Ich brauch nichts“ antwortete ich leise. Er setzte sich zu mir und seufzte „Hast du Hunger, soll ich uns was kochen?“ Er legte seine Hand auf meine Schulter, ich zuckte zurück. Mein ganzer Körper brannte noch vor Schmerzen. „Danke Cade, aber ich brauch nichts, ich möchte einfach nur ein bisschen schlafen“. „Alles klar, leg dich hin. Ich bin im Arbeitszimmer, falls du was brauchst“ Er küsste mich sanft auf die Stirn und ging Richtung Arbeitszimmer. So richtig schlafen konnte ich allerdings nicht. Ich döste immer wieder ein, dann kamen die Bilder zurück und ich war wieder hellwach. Nachdem ich mir die Decke geschnappt hatte lief ich ebenfalls in sein Arbeitszimmer und kuschelte mich in einen Sessel während Cade am Fenster stand und telefonierte. Er bemerkte nicht, dass ich im Raum war, bis er sich umdrehte. Er legte auf, setzte sich auf den Rand seines Schreibtisches und sah zu mir rüber. „Du fragst mich nicht.“ Sagte ich zu ihm. „Du weisst schon alles, oder nicht?“. Er nickte. „Du hast die Polizeiberichte gelesen?“. Wieder nickte er. Mir schossen die Bilder in den Kopf die er gesehen haben muss von mir und meinem Körper. Wie sie mich zugerichtet haben. Mir wurde augenblicklich schlecht. „Hast du René darauf angesetzt?“. „Er war schon an der Sache dran, bevor er mich angerufen hat“ Diesmal nickte ich. „Warum hast du mich nicht angerufen?“. „Was hätte das geändert? Es ist passiert.“. „Ich hätte für dich da sein können“. Ich stand auf und ging zu ihm. Ich legte meine Arme um seinen Bauch und meinen Kopf ein seine Brust. Er urmarmte mich, ganz sanft. „Es tut mir leid, dass ich das nicht verhindern konnte. Es tut mir so leid.“ Seine Stimme brach und war nur noch ein flüstern. Sein Gesicht vergrub er in meinen Haaren und so standen wir da, ich weiss nicht wie lange. Das Telefon klingelte und holte uns wieder ins normale Leben zurück. Ich löste mich von ihm und ging zurück in den Sessel „Geh ruhig ran, kann ich hier noch ein bisschen bleiben?“. „Natürlich“ entgegnete er, seine Stimme war immernoch rauh und erstickt. Dann fand ich endlich doch noch meinen Schlaf.